Georg Weerth in Japan  

                                                                                                 Fumio TAKAKI

Der Name von Georg Weerth ist in Japan selbst unter den Germanisten fast unbekannt. In den Literaturgeschichten, die in Japan erschienen, ist sein Name fast niemals angegeben, wie Susumu Matsuoka in der Weerth—Bibliographie in Japan 1) klagt. Seitdem die bisher einzige Bibliographie veröffentlicht wurde, vergingen fast zehn Jahre und, wie Matsuoka vermutet hat, aber nicht erhofft hat, haben sich die Weerth—Studien in Japan nicht gut entwickelt. Was die deutsche Vormärz—Literatur betrifft, lebte die Heine—Forschung, die schon vor dem Krieg existierte, dagegen in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg als Reaktion auf den Militarismus verstärkt wieder auf und auch Georg Büchner wurde neu eingeführt. Die deutsche Vormärz—Literatur wurde vor allem in den siebziger und achtziger Jahren unter dem Einfluß der Germanistik der beiden deutschen Staaten bekannt. Die Zeitschrift des Germanistenverbandes behandelte das Schwerpunktthema in bezug darauf und die Germanistengruppe 'Freunde von Weimar' veranstaltete ein Symposion darüber2^ aber Georg Weerth ist blieb unbekannt und 'vergessen' und ist es bis heute. Unter den Vormärz—Dichtern sind fast nur Heinrich Heine und Georg Büchner Gegenstand der Forschung und nicht nur Georg Weerth, sondern auch Ferdinand Freiligrath und Georg Herwegh werden ganz selten zitiert. Obwohl einige seiner Gedichte schon ins Japanische übersetzt sind, ist Georg Weerth in Japan immer noch ein 'vergessener Dichter und vor dem Hintergrund des Rückganges des 'Sozialismus' auf der Welt kann man eine Intensivierung der Georg Weerth—Forschung und —Übersetzung in Japan nicht erwarten. Hier wird trotzdem ein Forschungsbericht zum Thema

                                                                               -19-

'Georg Weerth in Japan' versucht.

Die Georg—Weerth—Forschung und —Übersetzung in Japan hat 1950 mit den Arbeiten von Hachiro Yamazaki angefangen. Seine ersten Übersetzungen enthalten die Gedichte Um die Kirschenblüte, Ich wollt, ich war Polizeiminister. Heute morgen fuhr ich nach Düsseldorf^. Sieben Jahre später nach den ersten Übersetzungen übersetzte er sechs Gedichte aus den Liedern aus Lancashire: Es war ein armer Schneider, Die Hundert Männer von Haswell, Der alte Wirt in Lancashire, Der Kanonengießer, Sie saßen auf den Bänken, Das ist das Haus am schwarzen Moor, und die drei Gedichte: Der arme Tom, Das Hungerlied, Das Schlußlied4). Außer ihm übertrug nur Shozo Inoue zwei Gedichte von Georg Weerth ins Japanische: Der Winzer und Ich wollt, ich war Polizei minister^. Das ist alles, was man auf japanisch von Georg Weerth lesen kann. Von seiner Prosa liegen auf japanisch nur Auszüge aus der Rede auf dem Freihandelskongreß in Brüssel vor, über die Friedrich Engels in einem Brief berichtete. Andere Übertragungen wurden nur in den germanistischen und sozialphilo-sohischen Zeitschriften veröffentlicht und sind dem allgemeinen Lesepublikum schwer zugänglich6).

Die japanische Germanistik konnte vor allem in ihren Gründungsjahren wegen des erschwerten Zugangs zur Quellen— und Sekundärliteratur kaum Fortschritte machen, geschweige denn bei dem 'vergessenen Dichter' . Deswegen muß man es hoch einschätzen, daß die japanische Georg Weerth—Forschung schon 1950, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, begonnen hat, weil man damals in Japan fast kaum die einzelnen Werke Georg Weerths erhalten konnte.

Den Anlaß zur Beschäftigung mit dem Dichter geben meistens die Worte von Friedrich Engels über Georg Weerth. Bei beiden bahnbrechenden Arbeiten von Hachiro Yamazaki bildet die Kritik an den Artikeln Friedrich Engels' den Mittelpunkt der Darstellung8). Seine Arbeit von 1950 benutzt als Materialien außer Engels nur

— 20 —


Karl Weerths Aus Georg Weerths Leben, das Deutsche Bürgerbuch für 1845 und Gedichte und Prosa aus der Neuen Rheinischen Zeitung^, was sehr gering war, wie der Verfasser in seiner Arbeit selbst bekennt. Yamazaki versuchte zuerst, die Schätzung Engels' zu überprüfen, aus der Perspektive von Franz Mehring, der eher Ferdinand Freiligrath als den 'ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats' 10) denn Georg Weerth bezeichnete. Über das Gedicht, das Yamazaki zuerst behandelte, Industrie aus dem Deutschen Bürgerbuch, urteilt er, es sei zwar ein naives, lebensbejahendes, kräftiges Gedicht, aber habe noch keine inhaltlichen formellen Neuheiten. Er wies auch auf die Anthologie Album hin, die er leider nicht einsehen konnte, und vermutete, Friedrich Engels habe vor allem an die darin enthaltenen Gedichte gedacht, als er Georg Weerth den 'ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats' nannte, und zitiert dazu das Handwerksburs chenlied 11). Das Gedicht sei zwar in seiner naiven Form voll von Leben und mache einen außergewöhnlichen Eindruck, aber auf Grund dieses einen Gedichts könne man nicht einfach entscheiden, daß Georg Weerth Heinrich Heine gleichkomme. Im Punkt 'sinnliches Feuer' , wo nach Engels Weerth Freiligrath überlegen ist, stimmt Yamazaki Engels zu. 'Freligraths Gedichte sind allzu schön und allzu moralisch. Wenn Weerths sozialistische Gedichte keine idealistischen revolutionären Gedichte wären und 'sinnliches Feuer' hätten, so hätten sie einen Fortschritt über die revolutionären Gedichte im Stil Freligraths hinaus geleistet.' Yamazaki schätzt wie Marx und Engels Goethe unter den deutschen Dichtern am höchsten, obwohl Schiller viel revolutionärer als Goethe zu sein scheint, weil er die Gesellschaft und den Menschen immer nur idealistisch erfaßte und ausdrückte. In diesem Punkt sei Freligrath Schiller verwandt. Es ist deswegen kein Wunder, daß Yamazaki Weerth höher als Freiligrath schätzt. Im Vergleich mit Heine stimmte er Engels zu: Weerth sei 'gesünder und unverfälschter' gewesen. 'In einem sozialistischen politischen Gedicht dürfen die < Gesundheit > und < Reinheit > der die Zukunft tragenden Klasse

                                                                             -21-

niemals idealistsch und abstrakt ausgedrückt werden. Es muß nicht unbedingt revolutionär und agitatorisch sein. Gedanken, Charakter, und Begierde, die 'proletarische Menschen' haben, sollen direkt und konkret dargestellt werden. Sowohl der sozialistische Gedanke als auch der 'sinnliche Mensch' sollen dargestellt werden.' Yamazaki meint, daß Engels in Weerth gefunden habe, was in Schiller sowie in Freiligrath fehle, nämlich Ausdruck des 'sinnlichen' Menschen, und er deshalb Weerth den 'ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats' nannte. Dieser Auffassung Engels' stimmt Yamazaki, selbst Marxist, zu, weil er darin ein ideales typisches Bild der proletarischen Literatur gefunden hat. Nach der Meinung von Yamazaki kommt das Urteil Engels' nicht nur davon, sondern auch von der Prosa in der Neuen Rheinischen Zeitung, vor allem dem Fortsetzungsroman Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski. Die Kritik von Yamazaki an dem satirischen Roman: Der Roman sei als ein literarisches Werk lückenhaft und rissig, habe kein formelle Schönheit. Der Dichter scheine keine Intention zu haben, ihn als ein vollendetes Werk zu schreiben. Weerth äußere im Roman, was er wolle, wie er wolle, außerdem machen seine Willkür, seine Ernstheit und sein heftiger Zorn, unbedingt seine Feinde treffen zu wollen, den Roman streng genommen zu als einen bloßen Diffamierungsroman. Die Dienste von Yamazaki als der erste Wegbereiter der Georg Weerth— Forschung und — Übersetzung kann man nicht hoch genug einschätzen. Aber ich habe den Eindruck, daß sich in seinen negativen Aussagen über Weerth seine Voraussicht über den Fortgang des Weerth—Forschung widerspiegelt.

Die anderen Abhandlungen über Georg Weerth in Japan möchte ich nach Gattungen und Themen gliedern und besprechen.

Weerths Lyrik wird nur von wenigen behandelt. Naitos Thema ist das 'politische Gedicht' 12). Sie zieht in Betracht vier Gedichte aus den Liedern aus Lancashire und das Gedicht Industrie. Am Anfang ihrer Abhandlung vergleicht sie sie mit denen von Freiligrath

 

— 22 —


und weist darauf hin, daß Georg Weerth den Arbeiter, der den harten Lebensalltag der Zeit mit all seinen Vorkommnissen auf sich nimmt, womöglich ohne Einfühlung schildere und die Tatsachen selbst die Wahrheit aussagen lasse. Nach ihrer Meinung besteht doch der Unterschied zwischen Georg Weerth und dem Naturalismus, der gleichsam nur den Pauperismus der Arbeiter darstelle, darin, daß bei dem ersteren der Arbeiter im Gedicht genau die Beziehungen zwischen herrschender und beherrschter Klasse beobachtet und sich selbst für das Subjekt hält, das die Gesellschaft umwälzt und die Geschichte vorantreibt, während Freiligraths politische Gedichte nur seine 'Bekenntnisse' seien, er drastische und ungewöhnliche politische Zustände zum Stoff der Gedichte nehme und nur einseitig seine große Sympathie für die idealisitisch verstandene 'Freiheit' oder 'Revolution' besinge. Die 'Gesundheit' der Gedichte Weerths kommt von der eigentlichen 'Gesundheit' des Volkes, das an der Produktion teilnimmt, und daraus stamme seine volkstümliche Sensibilität. Für ihn ist die Arbeit eigentlich eine menschliche Freude, ein schöpferischer Raum und eben deshalb die menschlichste Tat. Weil das Proletariat für Weerth die produzierende Klasse und das die bestehende soziale Struktur umwälzende Subjekt ist, werden seine Gedichte, die das Volksleben thematisieren, wenn er das sich zur Umwälzung organisierende Proletariat deutlich darstellt, einfach hervorragende 'politische Gedichte' . Naito meint, Weerth sei der erste deutsche Dichter mit klassenbewußten Gesichtspunkten gewesen, und das habe sein Berufskarriere als Korrespondent möglich gemacht.

Die beiden Arbeiten über Georg Weerths Lyrik von Fumio Takaki13) behandelt den Zyklus Liedern aus Lancashire . In der ersten erläutert er die Zeit, in der das Gedicht Sie saßen auf den Bänken entstand, vor allem die Zeit, als die schlesischen Weberaufstände ausbrachen und Weerth sich in England aufhielt. In der zweiten versucht Takaki Zusammenhänge zwischen dem Lancashire— Zyklus im Gesellschaftsspiegel (1845/46) , dem gleichnamigen Zyklus im A/6Mw(1847) und dem Not— Zyklus im Nachlaß des

                                                                         -23-


Dichters zu erklären und die Gedichte neu zu interpretieren.

Zu allen drei Romanen Weerths liegen japanische Interpretationen vor. Der erste Roman, Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski, wurde schon 1952 von Kiyoshi Komori behandelt14) .Es ist nicht klar, welche Ausgabe er in die Hand genommen hat, aber daß der Roman in der Neuen Rheinischen Zeitung als Fortsetzungsroman veröffentlicht, ist erwähnt. Unter dem Gesichtspunkt 'Literatur und Gesellschaft' betrachtet er den Roman. Hier ist zuerst von den geschichtlichen Verhältnissen um die Neue Rheinischen Zeitung und das Frankfurter Parlament die Rede, dann werden die Rolle und die Taten von Lichnowski im Parlament erklärt. In bezug darauf bestimmt der Verfasser die Bedeutung des Romans, aber die Bewertung ist auch negativ. Der Grund dafür sei, daß erstens das Ideologische zu direkt sei, zweitens Witze und Satire zu betont seien, daß man zwar an den Zitaten aus dem Atta Troll die Einflüsse von Heinrich Heine leicht erkennen könne, aber vielmehr scheine er dem Roman Don Quixote sehr ähnlich zu sein, was Komori anachronistisch vorkommt. Komischerweise erwähnt Komori Engels' Worte über Weerth nicht, die man nicht übergehen darf, wenn man über Georg Weerth spricht. Er zitiert nur die Bücher von Franz Mehring: Die deutsche Geschichte und Die deutsche Literaturgeschichte, worin auch der Name Engels angegeben ist. Jedenfalls ist nur die zweite Abhandlung über Georg Weerth von Bedeutung als Vorstellung des Dichters.

Die zweite Abhandlung über den Roman von Tsutomu Ito ist die einzige auf deutsch geschriebene Arbeit in Japan 15). Die Abhandlung zielt darauf, die Stellung Weerths in der deutschen Literaturgeschichte festzustellen und zu belegen. Der Aufsatz besteht aus zwei Teilen: in der ersten Hälfte werden das Leben und die Werke Weerths von der Englandzeit bis zur Neuen Rheinischen Zeitung vorgestellt und die Entstehungsgeschichte und die Beschaffenheit seiner sozialisitischen Haltung erläutert, und dann wird auch der satirische Charakter seines ganzen Werkes erwähnt. Weerthsche

                                                                         -24-

Satire wird im Vergleich mit Goethe und Heine besprochen: Für Weerths Satire seien seine Kenntnisse des historischen Materialismus und der Ökonomie unentbehrlich. Nach Ito werde, zum Beispiel, im Roman fragment, in dem der 'erste klassenbewußte Arbeiter in der deutschen Literatur' auftrete, die bestehende Gesellschaft chirurgisch kritisiert, ihre Widersprüche werden von einem fortschrittlichen Standpunkt auf eine realistische Weise aufgeklärt. Die kritisch—realistische Erzählweise sei eine Eigenschaft der satirischen Romane Weerths. Die deutsche satirische Dichtung erreiche in den beiden Romanen Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski und Humoritische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben einen vorläufigen Höhepunkt. Satire entstehe mit Haß und Abneigung gegen den Gegenstand, Humor dagegen entstehe mit Liebe und Sympathie dafür. Was Weerth in dem Feuilleton der Neuen Rheinischen Zeitung beabsichtigt habe, sei, die weitesten Schichten des Volks zum Kampf für Einheit und Freiheit zu organisieren und zu mobilisieren. Deswegen seien die zwei Romane, die Artikel und Gedichte 'Parteiliteratur' im genauesten Sinne des Wortes. Deshalb könne man sagen, daß Engels nicht ohne Gründe Weerth den 'ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats' nannte, insofern er auf dem Gischtpunkt der Arbeiterklasse steht. Die zweite Hälfte des Aufsatzes widmet sich der stilistischen Untersuchungen von Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski. In dem Roman mache sein proletarischer Optimismus seine verhöhnenden Angriffe amüsant. Was dieses Werk unsterblich mache, sei nicht nur der Gedanke, den die Geschichtsauffassung der materialistischen Dialektik bestimmt, sondern auch die Satire, die aus dem humoristischen Charakter des Dichters entspringe und sein ganzes Werk durchzieht. Ito nennt neun Methoden seiner Satire: (l) Vergleiche, (2) Metaphern, (3) Wortspiele, (4) Sprichwörter, (5) erotische Andeutungen, (6) Übertreibungen, (7) Parodie und Zitate aus der klassischen Literatur, (8) Situationskomik, (9) Ironie. Itos Studie über den Schnapphahnski— Roman kann man als eine der besten Arbeiten eines japanischen

                                                                                           -25-

 

Germanisten zum Thema bezeichnen.

Die Studie über das Romanfragment von Susumu Matsuoka 16) thematisiert die 'Tendenzliteratur' im Vormärz und daneben Weerths literarische Tätigkeit während der Englandzeit. Matsuokas Meinung nach, Weerth habe sich, obwohl er zur 'Tendenzliteratur' gehöre, nicht nach Paris, wohin die 'jungdeutsche' Schriftsteller hauptsächlich gingen, sondern nach England gesehnt. In England sei er mit dem realen englischen Kapitalismus in Berührung gekommen und seine immanente Widersprüche erkannt. Die Runden, die er mit dem Arzt McMichan, den er in Bradford kennenlernte, im Armen viertel unternahm, oder die Wochenenden, die er mit Engels verbrachte, führten ihn zum sozialistischen Denken, aber die Tatsache, daß er sich mit Wirtschaftswissenschaften beschäftigt habe, unterscheide ihn vom 'wahren Sozialismus' . Man könne die damals erreichte ideologische Stufe Weerths an dem Brief an seine Mutter erkennen, worin er sich 'Lumpenkommunist' nannte. Das dichterische Schaffen seiner Englandzeit komme den späteren Arbeiten in der Neuen Rheinischen Zeitung gleich. Das Romanfragment sei von Georg Weerth auf Anregung des französischen Realismus entworfen worden. Er habe darin versucht, den damals aufsteigenden deutschen Kapitalismus und dessen Widersprüche darzustellen, indem er die drei Klassen im Vormärz schildert:

Adel, Bourgeoisie und Arbeiter. Das Roman fragment habe ihm künstlerisch nicht genügt, aber es drücke die ideologische Wendung Weerths besser als seine Gedichte zur gleichen Zeit aus, es sei der Keim zu den Romanen der Zeit bei der Neuen Rheinischen Zeitung, er habe den selben Stoff benutzt wie die Romane der 'wahren Sozialisten' , biete also gutes Material zum Vergleich mit ihnen. Dieses Romanfragment habe 'tendenziöse' Schwäche wie die Darstellung des 'ersten deutschen klassenbewußten Proletarier' 17) Martin, die falsche Adelsanschauung und kompositionelle Fehler. Die Darstellung der Adelsklasse und der Bourgeoisie habe Weerth in den beiden Romanen in der 'Neuen Rheinischen Zeitung'

— 26 —


besser gelöst, aber das Proletariatsproblem sei leider wegen seines frühen Tods neben dem 'Tendenz'—Problem offen geblieben, obwohl das Problem eine wichtige Frage des Realismus sei.

Nakanos Arbeit über die Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Hände l sieben 18) sucht, die Eigenschaften der Werke Weerths im Schwerpunkt darauf, daß er mehr Kaufmann als Dichter ist, zu analysieren. Die Darstellung beschäftigt sich zum größten Teil mit dem Handlungsabriß des Romans. Der Verfasser hält es für wichtig, daß dieser Roman keine 'Geschichte' sei, die sich mit einer Handlung entfalte, sondern eine Reportage, die jedesmal einen Schluß benötige, weil er in Fortsetzungen in der Zeitung erschienen sei. Nakano schätzt es, daß jede Figur im Roman vom Gesichtspunkt des Gesetzes der sozialen Entwicklung in der gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen erfaßt und eben darum mit 'typischer' Realität geschildert sei. Auch daß er mit hervorragender humoristischer Satire dargestellt sei, mache Weerths Werk zur 'Kampfliteratur' , zu einer Waffe der Reform der Wirklichkeit, und dewegen könne man den Roman zu den meisterhaftesten der deutschen satirischen Dichtung zählen, so schließt Nakano.

Das nächste Thema ist auf die literarische und revolutionäre Tätigkeit Weerths während der 1848er Revolution. Mit diesem Thema befassen sich zwei Abhandlungen. Matsuoka19) behnandelt nicht die Romane während der Revolution, sondern die Proklamation an die Frauen, die auf der letzten rotgedruckten Nummer der Neuen Rheinischen Zeitung stand, weil man an dem kurzen Text den 'Revolutionär Weerth' besser erkennen könne als an den beiden Romanen. An dem Scheitern der Revolution seien 'schlampige Männer' schuld. Wenn Frauen an der Macht gewesen wären, hätte die Revolution ganz andere Seiten gezeigt. Weerth schließt den Artikel mit dem Satz: '... und meine Proklamation ist zu Ende.' Und tatsächlich veröffentlichte der Dichter danach kein Wort mehr. Weil der hervorragende satirische Schriftsteller Weerth nach der gescheiterten Revolution keine Reaktionen von

— 27 —


Lesern hätte erwarten könnnen, sei ihm nur das Schweigen erlaubt gewesen. Matsuoka schätzt dieses Schweigen Weerths sehr hoch, weil der Grund klar werde, wenn man es mit dem Weg der anderen politischen Dichter nach der Revolution vergleiche.

Gleichfalls analysiert Nakano20) Weerths Rolle in der 48er Revolution. Aber seine Schlußfolgerungen unterscheiden sich sehr von denen Matsuokas. Nakano betrachtet die Tätigkeit des Dichters unter dem Aspekt 'der Mensch und die Geschichte' , vor allem im Bezug auf den Zusammenhang zwischen Politik und Dichtung in der Menschengeschichte' . Er meint, es gebe keine Literatur ohne Zusammenhag mit der Politik, man müsse den Wert eines Dichters danach bestimmen, wieviel er zum Fortschritt der Menschengeschichte beigetragen habe und beitrage, und zu diesen großen Dichtern gehöre Georg Weerth. Danach wird die Tätigkeit Weerths während der Revolution mit Zitaten aus seinen Briefen erläutert. Aus seinen Schriften kann man sehen, wie sehr er von der Revolution über die Befreiung des Volkes von Armut, die Demokratie und die Ankunft einer besseren Gesellschaft erwartet habe. Je größer seine Erwartung sei, desto größer sei seine Enttäuschung über das Scheitern der Revolution. Das ist der Grund, warum der Dichter nach der Revolution die Feder für immer niedergelegt habe, so schließt Nakano.

Die anderen kurzen Arbeiten von Nakano21) erklären das Verhältnis zwischen Heine und Weerth . Eine davon behandelt den einzigen Besuch Weerths bei Heine, die andere behandelt die Verhandlung mit dem Verleger Campe um die Veröffentlichung der letzten Gedichte von Heine, den Band Romanzero, so weit man aus dem Briefwechsel zwischen den beiden Dichtern ersehen kann. Nakano hebt dabei den Dienst Weerths hervor.

Die Abhandlungen, die ich oben besprochen habe, erschienen fast alle in der wissenschaftlichen Zeitschriften der Hochschulen. Hier möchte ich zum Schluß etwas über die Literatur, die wie die Übersetzungen der Gedichte von Yamazaki und Inoue den Dichter

— 28 —


Weerth den japanischen Lesern vorstellt. Die kurze Biographie Weerths von Itsuro Sakisaka22' charakterisiert Weerth als Freund von Marx und Engels. Sakisaka war schon vor dem Zweiten Weltkrieg einer der bekanntesten und bedeutendsten marxistischen Wirtschaftswissenschaftler und erwähnt auch Weerth als eine Person aus dem Kreis um das Kapital. Seine Wertung beruht auf dem Aufsatz von Friedrich Engels und die Biographie von Karl Weerth. Sie hat ihre Bedeutung darin, daß sie in einer verbreitete wöchentlichen Bücherzeitung ershien. Denn viele Leserratten lesen diese Zeitung.

Weerths Vorstellung von Kachi23) ist sehr kurz, beruht auf dem Lexikon sozialistischer deutscher Literatur, und den Aufsätzen von Bruno Kaiser und Engels. Dort ist auf die Tätigkeit des Dichters bei der Neuen Rheinischen Zeitung, vor allem auf Gedichte dieser Zeit, den Roman Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski, die Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben usw. hingewiesen. Diese Arbeit aus marxistischer Sicht wurde in einem literaturgeschichtlichen Band in der Reihe Grundrisse der Literatur und Kunst veröffentlicht.

Anmerkungen

1) MATSUOKA, Susumu: <Nihon ni okeru weruto kenkyu bunken> [Weerth—Bibliographie in Japan]. in:<Doitsu Bungaku> [Die deutsche Literatur], Hrsg. v. d. Japanischen Gesellschaft für Germanistik. Tokio. 72. 1984. S.lSOff. Die Lücken dieser ersten Weerth—Bibliographie in Japan habe ich in diesem Bericht ergänzt.

2) <Doitsu Bungaku> [Die deutsche Literatur]. 58. 1977. S. 1-46. Tokio. Sonderberichte <Aspekte des Jungen Deutschland>. Hier werden Böme, Wienbarg, Gutskow erwähnt. Wissenschaftliches Kolloquium der 'Freunde von Weimar* : <Die Revolution 1848 und die deutsche Literatur im 19. Jahrhundert > am 21. 11. 1981. Die Referate auf diesem Kolloquium sind abgekürzt in den <Waimaru tomonokai kenkyu hokoku> [Forschungs-

— 29 —

berichten der 'Freunde von Weimar']. 7. 1982. S. 1-64. Tokio, enthalten. Matsuoka war auch ein Referent dieses Kolloquiums, vgl. MATSUOKA (1982).

3) INOUE, Shozo(Hrsg. u. übers.): <Doitsu Kaiho Shishu> [Die Anthologie deutscher Freiheitslyrik]. Tokio (Kawade— Bücherei). 1954. S.58-64.

4) INOUE, Shozo(Hrsg. u. übers.): <Sekai Meishishu Taisei> [Lyrische Meisterwerke der Weltliteratur]. Bd. 6. < Deutschland 1>. Tokio (Heibonsha). 1960. S. 404-407.

5) INOUE, Shozo(Hrsg. u. übers.): <Doitsu Meishisen> [Meisterwerke der deutschen Lyrik]. Tokio (Gakuseisha). 1961. S.98-101.

6 ) <Ingurando no rodosha no hanamatsuri> [Das Blumenfest der englischen Arbeiter]. Übers, v. TAKAKI, Fumio. in:<Kai-rosu> [Kairos] 29. Fukuoka. 1991 S. 58-67. <Ingurando no rodosha > [Die englischen Arbeiter]. Übers, v. TAKAKI, Fumio. in:<Kairosu> 31. Fukuoka. 1993 S.68-91. <1780-nen kara 1832—nen made no Rajikaru—rifoma no rekishi> [Die Geschichte der Radical Refomers von 1780 bis 1832]. Übers. und Vorw. v. TAKAKI, Fumio. in: <Shakaisisoshi no mado> [Fenster der Geschichte der Sozialphilosophie] 101. S. 1-14 u. 104 S. 1-17 Urawa. 1993. <Weruto shi shou 1,2> [Weerths ausgewählte Gedichte 1,2] Übers, v. NAMIKI, Takeshi. in:<Ehime Daigaku Kyoyobu Kiyo> [Forschungsberichte der allgemeinbildenden Fakultät der Universität Ehime]. 23-III. Matsuyama. 1990. S.118-132. u. 24-III. Matsuyama. 1991. S.133-152.

7) YAMAZAKI, Hachiro: 1848—nen no kakumeishijin georuku weruto [Georg Weerth — ein revolutionärer Dichter 1848] in <sogo sekai bungei [Gesamte Weltliteratur], l. Tokio. 1950 S. 108-132. Ders. :< Georuku weruto to puroretaria shi > [Gerog Weerth und die proletarische Dichtung] in:<Doitsu Bungaku> [Die deutsche Literatur] 17. Tokio. 1956. S. 16-20.

8 ) Hachiro YAMAZAKI übersetzte den Aufsatz über Georg

— 30.—

Weerth von Friedrich Engels (im < Sozialdemokrat» in: H. YAMAZAKI (Übers.): <Marukusu engerusu bungakuron> [Marx und Engels über die Literatur] Tokio (Iwanami—Bücherei). 1954. S. 41-48.

9) Diese Materialien waren ihm zugänglich, weil schon damals vor dem Zweiten Weltkrieg das Niveau der marxistischen Studien in Japan, in deren Mittelpunkt die Wirtschaftswissenschaften standen, hoch war und viel von der Primärliteratur in Japan vorhanden war.

10) Es ist nich klar, welchen Aufsatz von Mehring Yamazaki benutzte.

11) Das Gedicht, das Yamazaki zitierte, ist 'Um die Kisch blute' .

12) NAITO, Yoko: <Seijishi saiko—G.Weruto wo megutte—> [Neubewertung der politischen Gedichte —— über Georg Weerth — ] in:<Kage> [Schatten] 15. Tokio. 1973. S.31-38.

13) TAKAKI, Fumio: <Weruto no 'karera wa benchi ni suwatte ita' ni tsuite> [Über Weerths Gedicht 'Sie saßen auf den Bänken'] in:<Doitsu Bungaku Ronshu> [Die deutsche Literatur]. Hrsg. v. d. Zweigbezirk Chugoku—Shikoku der japanischen Gesellschaft für Germanistik. 23. Matsue. 1990 S. 31—38. TAKAKI, Fumio: <Weruto 'rankasia no uta' ko> [Zu den 'Liedern aus Lancashire' von'Georg Weerth]. in:<Ni-shinihon Doitsu Bungaku > [Germanistische Studien]. Hrsg. v. d. Japanischen Gesellschaft für Germanistik — Westjapan.4. Fukuoka. 1992. S.87-98.

14) KOMORI, Kiyoshi:<Georuku weruto "yumeina kishi shunappu-hansuki no shogai to koi" ni tsuite> [Über "Leben und Taten der berühmten Ritters Schnapphahnski" von .Georg Weerth] . in: < Mie — Kenritsu — Daigaku — Kenkyu — Nenpo > [Jahresbericht der Forschungen der Präfekturhochschule Mie] l- I. Tsu. 1952. S.65-75.

15) ITO, Tsutomu :< Georg Weerth als satirischer Dichter. in:<Doitsu Bungaku Kenkyu > [Germanistische Studien] Hrsg. v. d. Zweigbezirk Tokai der japanischen Gesellschaft für Germanistik.

— 31 —

Nr. 4. 1966 S. 117-154. Nagoya.

16) MATSUOKA, Susumu: <Shiso keiseiki no georuku weruto to sono bungaku> [Georg Weerth's literarisches Schaffen bis zum Ende seines Englandaufenthalts] in:<Waimaru tomonokai kenkyu hokoku>. 5. Tokio. 1980. S. 47-61.

17) KAISER, Bruno: <Vorwort> in: KAISER, Bruno (Hrsg.): Georg Weerth. Sämtliche Werke. Bd. 2. Berlin. 1956. S.U.

18) NAKANO, Kazuo: < Weruto no "yumorasuna doitsu shogyo seikatsu no sunbyo ni tsuite"> [Über "Humoristischen Skizzen des deutschen Handelsleben"], in: <yume to taiyo — inoue shozo sensei kiju kinen ronshu> [Festschrift für Prof. Shouzo INOUE zum 77. Geburtstag] Hrsg. v. Ausschuß für die Festschrift. Nagoya. 1989. S. 86-104.

19) MATSUOKA, Susumu: <48nen kakumei eno banka —— G. Weruto "Onnna tachi eno hukoku" ni yosete — > [Georg Weerth' s Abschiedswort an die 48er Revolution —— Einige Bemerkungen über die "Proklamation an die Frauen"] in:

<Waimaru tomonokai kenkyu hokoku>. 7. Tokio. 1982. S.20-28. •

20) NAKANO, Kazuo: <Shijin to sono jidai — georuku weruto to 1848nen —— > [Dichter und ihre Zeit —— Georg Weerth und das Jahr 1848] in:<Jimbun—kagaku—ronshu> [Forschungsbericht der humanistischen Wissenschaften] 19. Matsumoto. 1985. S.87-96.

21) NAKANO, Kazuo: <Georuku weruto = hainrihi haine ohuku shokan to "romantsuero"> [G. Weerths Briefwechsel mit H. Heine]> in: <Jimbun—kagaku—ronshuu [Forschungsbericht der humanistischen Wissenschaften]17. Matsumoto. 1983. S. 129—135. Und ders.: < Georuku weruto to hainrihi haine — ryou shijin no deai —— > [Georg Weerth und Heinrich Heine — Die erste Begegnung der beiden Dichter — ]. in:

SUZUKI, Kenzo/SUZUKI, Kazuko(Hrsg.): <haine kenkyu [Heine-Studien] > Bd. 5. Tokio. 1983. S. 126-130. Außerdem stellt NAKANO in seiner Arbeit, < georuku weruto kenkyu

— 32 —

noto> [Notiz über die Weerth—Forschung] >, in: <Waimaru tomonokai kenkyu hokoku> . 3 Tokio. 1978. S.136-140., die Weerth— 'Entdeckung* , die Buchveröffentlichungen und die Forschungsgeschichte in Deutschland und auch in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg kurz dar.

22) SAKISAKA, Itsuro: <georuku weruto [Georg Weerth]> in: <Toscho—Shimbun> [Bücher—Zeitung] am 7., 14. Nov. Tokio. 1959.

23) KACHI, Masataka: <Puroretariato no saisho no shijin weruto > [Der erste Dichter des Proletariats. Georg Weerth]. in:

TAKAHASHI, Toru/MARUYAMA, Nboru/KACHI, Masataka (Hrsg.): <Sekai no bungkaku> [Weltliteratur]. Bd. l. Tokio (Sekibunsha). 1974. S.83-87.

33